
Idee und Ausstellungskonzept HMNS
»Menschen splittern, fliessen, verschieben sich,
hinterlassen flüchtige Spuren in Material, Klang und Daten.
Unvollkommen, zerbrechlich, immer einmalig.
Was bleiben soll, bleibt. Alles andere löst sich auf.«
Der Mensch ist ein erstaunliches Wesen: Er trägt seine Ängste spazieren, zählt heimlich Likes, schreibt „Bist du noch wach?“ und behauptet dabei gern, alles im Griff zu haben.
HMNS handelt von uns, von unseren Marotten, Eigenheiten und Befindlichkeiten, von Sehnsüchten, Scham, Eifersucht, Erschöpfung und der leisen Hoffnung, dass irgendwo noch jemand „Ja“ tippt. Gefühle treten aus ihrem inneren Versteck und werden zu eigenwilligen Figuren: Die Liebe macht es sich auf drei Stühlen bequem, die Wut probt im Badezimmerspiegel den Weltuntergang, und die Gelassenheit gießt einer trockenen Sehnsucht Wasser nach.
Zwischen glitzernden Mänteln, übergroßen Pullovern und Leuchtsternen an übermüdeten Decken entsteht ein ebenso skurriles wie berührendes Porträt des Menschseins. Nichts daran ist vollkommen aufgeräumt und genau darin liegt sein Reiz.
Denn inmitten all unserer Widersprüche, Kratzer und kleinen Katastrophen sitzt ein Herz ohne Bedienungsanleitung. Es stolpert, schweigt, liebt, zweifelt und beginnt trotzdem jeden Morgen aufs Neue.
HMNS ist eine Einladung, sich selbst wiederzuerkennen – vielleicht mit einem Lächeln, vielleicht mit einem kleinen Seufzer, aber auf jeden Fall mit etwas mehr Nachsicht. Vollständig wird das Konzept jedoch erst im Zusammenspiel mit dem begleitenden Gedicht und dem eigens für die Ausstellung komponierten Soundtrack. Beides findet ihr unter den Werken. Habt Spass 🙂
P.S. HMNS hatten ihre Premiere am 8.5.2026 in der Galerie Spitzbart & Bracke in Essen. Die Ausstellung endete am 12.6.2026.
HMNS Poem
Heute trägt die Angst einen glitzernden Mantel
und bestellt besten Espresso für alle.
Die Scham sitzt daneben,
zieht den Kragen hoch
und tut so, als wäre sie gar nicht da.
Heute trägt die Angst einen glitzernden Mantel
und bestellt besten Espresso für alle.
Die Scham sitzt daneben,
zieht den Kragen hoch
und tut so, als wäre sie gar nicht da.
Die Liebe liegt quer über drei Stühlen,
barfuß, laut,
und behauptet, sie sei „ganz unkompliziert“.
Die Eifersucht zählt heimlich Likes
in einer Ecke ohne Licht.
Die Hoffnung klebt Leuchtsterne
an die Decke eines völlig übermüdeten Hirns,
während die Erschöpfung
mit offenen Augen schläft.
Die Freude stolpert über einen Kabelsalat,
lacht Tränen,
die auf dem Boden Pfützen aus Kindheit machen.
Die Wut probt währenddessen
stumm den Weltuntergang
im Badezimmerspiegel.
Die Einsamkeit sitzt mitten im Raum
in einer Menschenmenge
und winkt keinem.
Die Verbundenheit
schreibt seltsame Nachrichten wie
„Bist du noch wach?“
und hofft, dass jemand „Ja“ tippt,
bevor der Mut sich ausloggt.
Die Traurigkeit trägt heute
einen viel zu großen Pullover,
aus dem manchmal ein Witz fällt.
Der Zynismus hebt ihn auf,
dreht ihn in den Fingern
und legt ihn der Verletzlichkeit
auf die Zunge.
Am Rand steht die Gelassenheit,
bar jeder Pose,
und gießt einer trockenen Sehnsucht Wasser nach.
Niemand merkt es,
aber die Luft wird weicher.
In der Mitte von all dem
ein Herz,
ohne Bedienungsanleitung,
mit Flecken, Kratzern, Narben
und dieser absurden Angewohnheit,
jeden Morgen
trotzdem wieder anzufangen.
Chris Brackmann / Essen
