»Focus«

Ihr kennt das vermutlich alle … man sitzt irgendwo rum. Zuhause, im Zug, im Urlaub, im öden Meeting. Und man starrt. Man schaut in eine Richtung, glaubt, irgendetwas zu betrachten, aber eigentlich schaut man durch die Dinge hindurch, hinter sie, oder dazwischen. Während der Fokus verschwimmt, zerlaufen die Farben, verwehen die Gedanken, fragmentieren, formen sich um, werden zu unbewussten Stimmungen.
Während Corona habe ich in meiner Küche meinen klassischen Zugang zur Fotografie wiedergefunden. So, wie ich ihn damals zu Studienzeiten erfahren habe. Das konkrete Abbilden der Realität hat mich dabei wenig interessiert – ich mochte es abstrakt, diffus, dekonstruiert. Da ich ursprünglich von der Grafik komme, wurde das Fotografieren für mich schnell zu einer Sucht nach der Malerei mit Licht. Als großer Freund von Feinmechanik liebte ich die Technik: das gerändelte Metall, den geölten Lauf der Objektive, das vergütete Glas. Ich habe quasi einen Fetisch entwickelt. Gleichzeitig war das Unmittelbare, das Sofort-Machen ohne Kleckerei, das Komponieren im Sucherfenster für mich als ungeduldigen Menschen ein Segen. Gut, das Labor hatte seine eigenen Flecken, aber im Vergleich zur mühsamen Beschaffung von Malutensilien war es (für mich) das kleinere Übel.
Gut, das liegt weit hinter mir und damit zurück zum Pandemie-Fokus. Ich habe alte Linsen rausgekramt, per Adapter an die aktuellen Kameras geflanscht. Und da saß ich nun, in meiner Küche, begann erneut damit, Glas und Metall zu bewundern und am Tubus zu drehen, während draußen die Welt stillzustehen schien.
Ich habe wieder im Sucher komponiert. In der Stille, mit verlaufenden Farben und Unschärfen. Habe Ebenen verschoben, die Kamera im Millimeterbereich bewegt und war fasziniert von den Stimmungen, die komplett ohne konkrete Abbildung entstanden. Stunden habe ich damit verbracht, ohne mich wirklich groß von meinem Stuhl zu erheben – und war überrascht, wie viele Szenerien man in seinem direkten, total banalen Umfeld finden kann.
Natürlich bin ich dann in den folgenden Wochen und Monaten auch aufgestanden. Aber nahezu die meisten Motive von „Focus“ sind in wirklich unmittelbarer Nähe meiner Küche entstanden.
Post Corona ist das Thema dann ein wenig in den Hintergrund geraten, aber es kam in regelmäßigen Abständen zu mir zurück, hat sich in Erinnerung gerufen. Und so möchte ich das jetzt final aufbereiten.
Die Motive sind kongruent der Empfindungen, die ich damit assoziiere, einfach still vor mich hinzukontemplieren, zu starren, ins quasi Leere. Es sind diese bestimmten (Licht-)Stimmungen, die entstehen, wenn der Fokus verschwimmt und die Gedanken wandern. „Focus“ repräsentiert für mich in gewissem Maße diesen Zustand, den ich im Übrigen sehr liebe, der mich entspannt, friedlich werden lässt – ja, ich wage sogar zu sagen: in dem ich wirklich glücklich bin. Daher liegt mir dieses Thema auch so sehr am Herzen und hat sich berechtigterweise immer wieder leise nach vorn gedrängt. Der Titel mag aus physikalischer Sicht paradox wirken, doch liegt für mich hier in der Tat der Fokus hinter der Schärfe.
Die Arbeiten sind weitestgehend unbearbeitet. Keine Korrekturen oder Modifikationen am Rechner, ein wenig Ausschnittsarbeit ja, aber ansonsten reine Lichtbildnerei mittels alter M42-Optiken.
Ich werde „Focus“ im Rahmen meines ersten offiziellen Salon 01 vorstellen, würde mich aber natürlich auch über weitere Gelegenheiten und Orte für eine Ausstellung freuen. Sprecht mich an.
P.S. Vielleicht gibts auch eine kleine Preview im Rahmen der Kunstspur.
Daher: 19. und 20. September 2026 (14–19 Uhr) vormerken 🙂
